Kantor & Komponist
Peter Heeren

Texte

Triptychon
Prolegomenon
Wortcollage
Epilog

Triptychon 

Musik: Peter Heeren

Wortcollage: Nikola Anne Mehlhorn

Originaltexte: Meister Eckhard, Doctor Luther, Hohelied

 

Die Komposition Triptychon für Bariton, gemischten Chor, Orgel und Elektronik ist 2017 als Auftragswerk des Kirchenkreises Dithmarschen zum Lutherjahr entstanden und wurde am 10. Juni 2017 in der Hauptkirche St. Petri in Hamburg im Rahmen der „Nacht der Chöre“ von der Poppenbüttler und Marner Kantorei unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Michael Kriener uraufgeführt. 


Der Komponist Peter Heeren entwirft in diesem Tonwerk ein dreiteiliges Altarbild aus Klängen; Den Bezug zum Reformationsjahr 2017 generiert die Kombination der ausgewählten Texte: Vorreformatorische, reformatorische und überzeitliche Sätze von Meister Eckhart, Martin Luther sowie Auszüge aus dem Hohelied des Alten Testamentes. 


Meister Eckhart war, wie später Luther, einer derjenigen Kirchenlehrer, deren Glaubenssätze den damaligen Kirchenoberhäuptern als verdächtig galten. Sein Kernsatz war „Nichts wissen, nichts wollen, nichts haben“. Diese Übungspraxis in Enthaltsamkeit, sagt Peter Heeren, schlage in seiner Musik in paradiesische Zuständen über: kreuzartig zulaufende, tonmalerisch also durchstreichende Tonleitern führen zu einem Tonartwechsel, die das Hinübersteigen in das Jenseits versinnbildlichen soll. Schlussendlich gipfeln diese Skalenläufe in einem orgiastischen Höhepunkt.


Ein modernes Element erhält das Triptychon mit Luthers Text Vom Bruder Heinrich, in Ditmar verbrannt (musikalisch akkompagniert durch den Luther-Choral Ein feste Burg ist unser Gott); er erinnert an die barbarische „Adoleszenzphase“ des Christentums, schlägt den Bogen zur aktuellen Krise einer anderen Religion: Dem Islam, dessen extremistischen Ausläufer unser Heute mit brutalem Terror kontaminieren.


„Gottes Wille kennt kein Warum“, diese Grabsteininschrift widerspricht unserem Bedürfnis nach gesichertem Wissen. Das Suchen und Tappen der Menschen wird im „mittleren Altarbild“ in nicht enden wollenden, nicht einzuordnenden Tonleitern, die sich in einem engen Rahmen bewegen, dargestellt.


Wer kennt nicht das Diktat der Liebe, wer kennt nicht das Gefühl, der Liebe ausgeliefert zu sein? Wer kennt nicht den Wunsch, erlöst zu werden von der „weltlichen“ Liebe, hin zur geistigen. Im dritten Teil des Triptychons erfährt der Hörer  einen Katalog der Liebesgefühle: mal wirkt die Musik brutal, mal selig, mal verführerisch. Der Chor ruft am Schluss freudig aus: „Ich bin schwarz“ (statt „Ich liebe dich“).
Und die Orgel äfft die allzu seligen Passagen des Chores nach: ungestraft selig ist hienieden nicht so leicht einer.

 

Ein besonderes Merkmal der Heerenschen Kompositionsweise ist ein Sinuston, der hier wie aus einer anderen Welt vom Tonband parallel zu den Chorklängen eingespielt wird. Diese elektronische Klangfarbe streicht - das Skalengewebe durchdringend - einerseits tonmalerisch die menschlichen Gesänge durch, wirkt andererseits paradoxerweise alle Klänge verstärkend.
 

 

Das Triptychon hat eine Aufführungsdauer von 21 Minuten. Der Chorsatz ist mittel bis schwer. Die Noten sind auf Anfrage kostenlos bei Peter Heeren (peter.heeren@freenet.de) erhältlich.

 

Nikola Anne Mehlhorn

 

 

Prolegomenon

Was bewegt zwei Künstler zum Lutherjahr 2017 ein Musikwerk zu verfassen, es auf Texten aus sieben Jahrhunderten basieren zu lassen und Triptychon zu nennen?
Triptychen sind bekanntlich dreigeteilte Gemälde oder Relieftafeln, oftmals als Altarbilder; sie bestehen aus Mitteltafel und zwei Flügeln sowie einem Sockel (Predella).

Der Komponist Peter Heeren entwirft ein dreiteiliges Altarbild aus Klängen; Bestandteile sind menschliche Stimmen als „Mitteltafel“, Tonband und Orgel als „Seitenteile“ - das dritte musikalische Triptychon, berücksichtigen wir die Musikwerke Carl Orffs und Giacomo Puccinis.
Zentrale Motive in diesem Triptychon sind die Emotionen: Das Spektrum reicht von Verblendung, mystischer Verklärung, Zorn, Zweifeln bis zur Liebe. Wobei Letztere in Peter Heerens Kosmos „das Urmotiv ist [vielleicht] – eine Leistung der Materie“.

So ist das Kernthema, der „Sockel“ dieses Triptychons, der philosophische Materialismus: Resultiert Geist aus der Materie? Modifizieren wir Vergils Satz „Der Geist bewegt die Materie“, würde er hier heißen: „Der Materialismus bewegt Peter Heerens Geist“. Dass der Komponist diese offene Thematik in Musik zu übersetzen versteht, war eine berührende Erfahrung. Aus meiner Wortkonstruktion ist ein Tonwerk entstanden, das – dieses darf ich als studierte Musikerin beurteilen – virtuos mit musikalischem Material spielt, tonale Fragen formuliert, nie gehörte Klänge birgt.

Den Bezug zum Reformationsjahr 2017 generiert die Kombination der ausgewählten Texte: Vorreformatorische, reformatorische und überzeitliche Sätze von Meister Eckhart, Martin Luther und dem Hohelied des Alten Testamentes beleuchten die Frage, wie sich das menschliche Bewusstsein, insbesondere seine Spiritualität und Sehnsüchte über die Jahrhunderte hinweg entwickelt hat.

Ein modernes Element erhält das Triptychon mit Luthers Text Vom Bruder Heinrich, in Ditmar verbrannt (musikalisch akkompagniert durch den Luther-Choral Ein feste Burg ist unser Gott); er erinnert an die barbarische „Adoleszenzphase“ des Christentums, schlägt den Bogen zur aktuellen Krise einer anderen Religion: Dem Islam, dessen extremistischen Ausläufer unser Heute mit brutalem Terror kontaminieren. Mögen in nahen Zeiten alle Religionen zum Frieden gefunden haben!
 

Das von Peter Heeren und mir verfasste Triptychon ist komplex gedacht: Es spiegelt

die Pluralität und Zerrissenheit unserer westlichen Welt wider, deren momentane ideelle Verfassung in nicht unerheblichem Maße auf Martin Luthers Thesen aus 1517 basiert.

Nikola Anne Mehlhorn

 

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Wortcollage

 

I Von wârer gehôrsame

Wo ich mir nichts will, da will Gott mir. Mensch, gib acht! Was will er mir, da ich mir nichts will? Wo ich mich loslasse, da muss er mir nötig alles wollen, was er selbst will, denn das ist sein natürliches Sein.



II Vom Bruder Heinrich, in Ditmar verbrannt

Antwurt Bruder Heinrich: Das hab ich nicht gethan; doch, Herr, dein Wille geschehe. Einer schlug ihn mit einem Stoßdegen in den Hirnschädel und sprach: frei zu, liebe Gesellen, hie wohnet Gott bei. Lobe den Herrn!


III Ich bin schwarz / Hohelied

Seht mich nicht an, daß ich so schwarz bin, denn die Sonne hat mich verbrannt und kehre wieder, kehre wieder, o Sulamith! Kehre wieder, kehre wieder! Was sehet ihr an Sulamith? Den Reigen zu Mahanaim und mein Freund ist mein, und ich bin sein und kehre um, werde wie ein Reh und du hast mir das Herz genommen mit deiner Augen einem und siehe, der Winter ist vergangen und stehe auf, Nordwind, und komm, Südwind, und wehe durch meinen Garten und ich bin schwarz, aber gar lieblich.

 

Nikola Anne Mehlhorn

 

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Epilog

Gottseidank lieber Gott für die nahezu leeren Kirchen, dieses Zeichen der Einsicht der Menschen, dass du nicht institutionalisierbar bist.

Bitte lieber Gott deute den Gemeinden, ob die teure Glaubensbürokratie schadend für dich ist.

Gottseidank lieber Gott wächst die Erkenntnis, dass Kirche Erdenwerk ist; bloß fehlt vielerorts das Wissen um das Irdene der Konfessionen.

Bitte lieber Gott hilf, dass keine Religion dich fortan mehr für ihre Ziele instrumentalisiert.

Gottseidank lieber Gott für die überwältigende Schöpfung, die da existiert; für das ganze Gelb und Grün und Blau der weiten Welt.

Bitte lieber Gott errette die menschliche Natur, dass sie in all ihrer Bewusstheit nicht birst.

Gottseidank lieber Gott, dass du da bist!

 

Nikola Anne Mehlhorn (aus: Aktuelles Gebet. Anno 2017)

 

Dieser Text – für das Triptychon vorgesehen – wurde von Peter Heeren im Mai Zweitausendsechszehn abgelehnt.

 

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